Athas

"... die Prostituierten stehen hier schon vor der Stadt?"

Die dreizehnte Aufführung

Laras Blick ruht wie gebannt auf der Szenerie vor ihr. Ein Skorpionmonster auf dessen Rücken Türme erbaut wurden. Ein Tembo, das Wesen, von dem ihre Mutter erzählte, dass es sie holen würde, wenn sie nicht regelmäßig und gewissenhaft die hauseigenen Wasserschläuche kontrollieren würde. Große giftige Spinnen, Söldner, Untote und dunkle Magie.
Nie zuvor hat die Fünfjährige so etwas gesehen. Die Geschichten von Rahek, ihrem älteren Bruder, der in der Stadtwache arbeitet, waren sicher interessant gewesen, aber gegen die Geschichten des Mannes vor ihr, wirkten die Berichte von Hinrichtungen und Scharmützeln, wie die Gutenachtgeschichten ihrer Mutter. Mitten auf einer alten Holzkiste ist der Mann mit dem langen Ledermantel, wie jeden Tag, damit beschäftigt seine Trugbilder zu erschaffen.
Um Lara herum sitzen mehre dutzend andere Leute und wirken genauso begeistert wie das kleine brünette Mädchen. Lara drückt ängstlich ihr Stofftier an sich, als das Abbild des Geschichtenerzählers von einem in Dunkelheit gehüllten Zombie angegriffen wird.
Die Stimme des Mannes schwingt tragend über der Menge und schlägt mehrere bislang nicht zusehende Besucher des Marktes in seinen Bann. Inzwischen sind sämtliche Sitzplätze vor dem Gaukler mindestens doppelt besetzt, so dass die Neuankömmlinge sich im Stehen unterhalten lassen. Lara rutscht auf dem Schoß ihres Vaters leicht nach vorne und lauscht gebannt den Worten des Mannes, den ihr Vater Lynch genannt hatte.

„… doch all dies, edle Spektatores sollte nicht alles gewesen sein. Nun hatten wir endlich die Blutperle in unseren Händen. Die unmittelbare Nähe zu dem untoten Nekromanten jedoch zeigte sich immer noch als Gefahr. Wir hatten im Namen aller atmenden Geschöpfe auf Athas, das mächtige Relikt umgehend aus der Feste des Bösen zu befreien.
Leider mussten wir einen herben Rückschlag in Kauf nehmen. Lafeya unsere tapfere Eladrinstreiterin schien von der Macht des Artefakts korrumpiert worden zu sein und verlangte die Blutperle für sich selber. Gier schimmerte in ihren Augen und die im Kerzenschein von ihr an die Wände geworfenen Schatten nahmen unwirtliche Formen an. Gier und Lust strahlten aus ihrem Gesicht als Urgh! …“

Die Menge auf dem Marktplatz atmet erschrocken ein und einige Leute erheben sich, als sie sehen, wie Lynch von einem hart geworfenen Stein an der Stirn getroffen wird und zu Boden geht. Es vergehen zwei Schrecksekunden, bevor der Gaukler sich hinter der Kiste wieder erhebt, sich das Blut von der kleinen Wunde auf seiner Stirn wegwischt, den nahegelegenen Dächern einen missmutigen Blick zuwirft und mit seiner Geschichte fortfährt.

„Nun werte Lauscher fantastischer Geschichten, wie ich schon sagte, gab es mehrere Interessenten für die Perle in unserer eigenen Gruppe. So einigten wir uns darauf, dass der an dem Gegenstand eigentlich desinteressierte Goar das Ziel unserer Begierden vorläufig verwahrte.
Nun galt es also die Feste des Nekromanten zu verlassen und möglichst unentdeckt von Slither zu entkommen. Lasst es euch sagen werte Spektatores. Es lässt sich leichter herabklettern als hinauf. Wie schon einst der Philosoph Murren Freud sagte, runter kommen sie alle. Nur das ohne gebrochene Beine Herunterkommen stellt in der Regel das Problem da.
Letztlich überwanden wir allerdings auch dieses Problem und entkamen in den Schatten der Nacht in kleinen ein bis zwei Mann Gruppen auf unterschiedlichen Wegen von der lebenden Festung Slither und begaben uns zu dem auf uns wartenden Dalet.
Seht uns bitte nach werte Spektatores, dass wir zu dieser Zeit nicht in der Lage waren diese Geißel der Wüste zu beseitigen, doch wir mussten unsere Schritte nun zügig gen Nibeney wenden um dort Gotan, Yi ´are und eine junge uns bis damals unbekannte Dame wie vereinbart zu treffen.“

Lara lächelt gespannt. Bisher war Lafeya ihr Lieblingsheld in Lynchs Geschichten gewesen. Zuhause spielte sie immer gemeinsam mit ihren Geschwistern die erzählten Abenteuer nach und nahm immer die Rolle der Druidin an. Während ihre Brüder immer Goar mit dem großen Hammer oder Azlan der geschickte Schurke sein wollten, wollte sie immer die mutige Gestaltwandlerin spielen. Lynch wollte seltsamerweise nie einer nachspielen. Zum einen wegen seiner unheldenhaften Art zu kämpfen und zum anderen wohl weil zu dem Lynchkostüm ein altes Stoffkleid ihrer Mutter als Robe oder Mantel gehörte.
Doch nun sollte bald noch eine weitere Heldin in der Geschichte auftauchen. Sie gibt ein freudiges Kichern von sich und spitzt wieder die Ohren um Lynch weiter zuzuhören.

„Nibenay…“ Lynch seufzt einmal als ihn glückliche Erinnerungen einholen. „ Eine Oase. Eine blühende grüne Knospe in der Wüste. Verzierte Wände, Türme, Statuen, Symbolik in jedem Winkel und ein imposantes Zikkurat. Eine Handelsstadt, die vor Leben pulsiert und deren Düfte unvorbereitete Reisende nahezu in den Wahnsinn treiben. Korruption und Macht treiben die Menschen durch die Gassen und Straßen wie das Blut durch die Venen eines großen Tieres. Die Nähe zu dem Crescent Moon Wald sorgt für einen großen Wohlstand, der sich in jeder der kunstvoll bearbeiteten Fassade der Gebäude wiederspiegelt. Tempel die den vier Elementen geweiht sind sorgen für das mentale Wohl der Bevölkerung und die Oberen der Stadt lassen den Bewohnern der Metropole jene Freiheit, die der Stadt ein wohlwollendes Wachstum über viele Jahre hinweg noch bescheren wird. Aber eine Besonderheit von Nibenay stellt alles in den Schatten“
Der Erzähler beugt sich verschwörerisch nach vorne und spricht mit gedämpfter Stimme weiter.
„Es gibt nur weibliche Templer in Nibenay und je höher eine Templerin im Rang steht, desto weniger Kleidung trägt sie neben einem Cylopswappen an einer Halskette in den Straßen zur Schau. Ein wunderbares Spektakel, dass sich all jenen bietet, die sich durch das von Musikanten belagerte Händlertor in die Stadt hineinbegeben.“
Lynch hustet einmal und erhebt wieder seine Stimme.
„Und so kamen auch wir nach einigen harten Wandertagen sicher und unbehelligt in Nibenay an. Wir verstauten unsere nicht ganz zollfreien Waren sicher unter den Schuppenwölfen von Goar und Lafeya erhob sich in der Gestalt eines Vogels über die Stadtmauern um vorab in der Stadt nach zwei Eladrin zu sehen, die sie aus ihrem Dorf kannte. Libethan und Lirana lebten in den zwielichtigen Bereichen der Stadt, im Elfenviertel. Während sie sich also in Vogelform über die Zinnen der Stadt hinwegbewegte um Informationen über ihren Wald zu erhalten, wühlte sich der Rest der Heldengruppe durch die Menge um nach einer Gaststätte zu suchen und allgemeine Informationen zu erhalten. Azlan kundschaftete die Taschen der zahlreichen Reisenden aus und sowohl Goar als auch euer werter Erzähler bewunderten die zahlreichen und zum Teil recht üppigen Vorzüge der Metropole.
Der erste Tag in der Stadt der drallen Templerinnen endete letztlich mit einem Ausblick auf etwas Großes. Nachdem ein Gasthaus gefunden und die ersten Einkäufe erledigt wurden, meldete ich mit ein wenig Überredungskunst den unbändigen Goar zu dem an, was er am besten konnte: Sinnloses Verhauen von Gladiatoren und Monstren in einer Arena. Letztere war wegen der anstehenden Festivitäten zur Feier der Hälfte der Dürre mit Kämpfen nahezu vollends ausgebucht.
Eines stand für uns fest. Wir würden noch eine Weile in der Stadt bleiben um auf unsere Kontakte zu warten, an dem Fest teilzunehmen und um mit Wetten auf Goar beim Metzeln in der Arena eine immense Summe an Geld zu verdienen.
Doch nun werte Spektatores muss ich euch leider erneut hinhalten. Ich werde die Geschichte morgen fortsetzen und würde mich freuen wenn…“

Auf einem Dach in unmittelbarer Nähe zu dem Erzählstand von Lynch sitzen zwei Gestalten im Schatten.
„Was meinst du, ist der Kerl mal bald fertig?“
„Keine Ahnung Gotan.“ Lafeya erhebt sich, streckt sich einmal und zeigt einen gereizten Gesichtsausdruck. „Der Kerl geht mir von Tag zu Tag immer mehr auf den Geist.“
„Lass mich raten. Du bist immer noch sauer wegen der Sache mit deinem Zimmer oder?“
„Natürlich bin ich sauer. Wegen dem Kerl hocken wir in einem Gasthaus, in dem gleich in der ersten Nacht meine Zimmertür aufgebrochen wird und ich mich gegen sechs Unbekannte in Kapuzen erwehren muss.“
„Wenigstens bist du unverletzt und es wurde auch nichts aus deinem Zimmer gestohlen Lafeya.“
„Das steht nicht zur Debatte Gotan. Wo auch immer der Kerl da unten uns hinführt, wartet Tot, Vernichtung und versuchter Raubmord auf uns.“
„Schade dass alle entkommen konnten, bevor du ein paar Antworten aus den Leuten herausprügeln konntest…. Jammerschade“
Lafeya seufzt einmal und hebt einen kleinen Felsbrocken mit ihrer rechten Hand auf.
„Egal Gotan. Etwas sagt mir, dass wir bald eine neue Chance erhalten werden die Leute auszufragen. So … ich würde sagen die Vorstellung ist für heute beendet.“ Lafeya zielt sorgfältig und schleudert, nach einem kurzen Abwägen des Gewichts, den Stein in Richtung des in seiner Erzählung verstrickten Lynch.

„…und so werte Spektarores möchte ich euch nur noch folgende letzte Lebensweisheit mit auf eure Wege geben; Zieht niemals mit… Urgh!
Lynch wird von dem Backstein an derselben Stelle getroffen, an der er vorher schon den Stein an die Stirn bekam und stürzt wie ein gefällter Baum um.

Gotan blickt mit Lafeya über den Sims zu dem bewusstlos niedergegangenen Zauberer.
„Guter Wurf Lafeya. Aber glaubst du nicht, dass der Stein ein bisschen groß war?“
Lafeya blickt einmal kurz von ihrer Tätigkeit auf und schaut Lynch abschätzend von oben herunter an. „Nein ich glaube nicht.“ Umgehend wendet sie sich ihrer Aufgabe wieder zu und versucht einen weiteren Brocken aus dem Mauerwerk zu lösen.

Sechs Meter tiefer auf dem Marktplatz befindet sich Lara auf den Schultern ihres Vaters. Wiedermal war es eine tolle Vorstellung gewesen… auch wenn das Ende ein wenig plötzlich eintrat. Sie freut sich schon sehr auf den frühen Abend, wenn ihre Geschwister wieder nach Hause kommen und sie beim Nachspielen des Abenteuers von heute als Lafeya grazil und elegant als bunter Vogel über die Dächer im Innenhof ihres Hauses fliegen wird.

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Mikeman

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