Athas

Werte Spectatores

Die dritte Aufführung

„Weißt du Flo? …“ Lynch nimmt das ihm entgegen gereichte Tongefäß entgegen. „Würdest du das Blau aus deinen Augen in die Becher füllen könntest du, was auch immer du dir wünschst, für einen einzigen Schluck verlangen.“
Die junge Frau lächelt ihn an.
„Schöne Worte Schausteller.“
„Nicht annähernd so schön wie die junge Frau vor mir.“
„Wenn du nun auch noch bemerkt hättest, dass ich nicht blaue, sondern braune Augen habe wäre dein unwiderstehlicher Charme noch ein klein wenig weniger geheuchelt daher gekommen Lynch.“
„Autsch!“
„Steh da nicht rum Gaukler. Trink deinen Nektar und kümmer dich um dein Publikum. Du wirst anscheinend schon sehnlichst erwartet. Und außerdem…“ Flo setzt ein schelmisches Lächeln auf „bezahle ich dich dafür die Gäste und nicht mich zu unterhalten.“
Lynch lässt ein tiefes Seufzen entweichen. „So jung, so schön und so abgebrüht. Du könntest einen naiven jungen Mann einmal sehr glücklich und dann auch wieder sehr unglücklich machen Flo.“
„Das einzige Glück, was DU jedenfalls bei mir finden wirst, befindet sich auf dem Grund des Bechers in deiner Hand Lynch und nun….trink aus und verdien dein Geld.“ Flo lächelt ihn ein letztes Mal koket an und wendet sich dann dem nächsten ihrer Kunden zu.

Mit einem ein wenig irritierten Blick schaut Lynch in seinen Becher. „Red Kank“? Was lies Flo die Kanks nur fressen, damit sie diesen ungewöhnlichen gefärbten Nektar produzierten. Kanknektar war in der Regel klar oder auch gelegentlich bernsteinfarben … aber rot?
Lynch schnuppert einmal vorsichtig an der Flüssigkeit… fruchtig, süß, eine Spur säuerlich. Lynch stürzt das Getränk hinab und fühlt sich beinahe umgehend erfrischt. Kein Wunder das die Jugendlichen dieser Stadt von dem Zeug so schwärmen. Würde er sich dazu durchringen noch weitere Münzen für diesen Nektar in Flos Rachen zu werfen, würde Lynch entweder an einem Zuckerschock sterben oder wie ein Mekilot Wüstenschiffe durch die Gegend ziehen können.
Lynch fasst für sich den Entschluss, in Zukunft die Finger von diesem Teufelszeug zu lassen und zumindest für heute es bei reinem Wasser zu belassen.

Die kleine Menge die sich vor seinem gewohnten Aufführungsort inzwischen eingefunden hat, wartet geduldig auf Lynchs Ankunft und seine heutige Geschichte.
„Und erneut muss ich mich für meine Unzulänglichkeit bei euch entschuldigen werte Spectatores. Ich verdiene gar nicht das Privileg, euch unterhalten zu dürfen. Ein so edles Publikum auch nur wenige Sekunden auf die Folter zu spannen und warten zu lassen erscheint mir als eine unglaubliche Dreistigkeit welche sich mit Wasser nicht aufwiegen lässt.
So ihr denn mich nicht augenblicklich steinigt oder meuchelt, nehme ich euer Staunen als Absolution und als ein wahrlich großes Entgegenkommen von euch an. NAtürlich werde mir heute besondere Mühe geben müssen, um euch für die erhoffte Gnade zu entschädigen.“ Weder fliegen Steine, noch hat Lynch ein Messer im Rücken. Dafür wirken die Leute vor ihm aber irritiert. Von was hatte dieser seltsame Mann da grade gesprochen? Lynch merkt, dass er über das Ziel hinausgeschossen ist und erhebt schnell wieder die Stimme.
„Nun denn meine werten Gäste. Seht zu wie sich erneut ein Fenster in die Vergangenheit öffnet und euch von den Geschehnissen, deren Zeuge ich im Sand sein durfte berichtet.
Nachdem wir die gar garstigen Elfenbanditen bezwungen hatten, begaben wir uns an die Erforschung einiger Spuren im Sand und trafen auf zwei andere Überlebende der Karawane. Wachen die vergebens versucht hatten das Wüstenschiff vor dem Überfall zu verteidigen. Bei dem Versuch mit ihnen Kontakt aufzunehmen, entbrannte zwischen den erhitzten Gemütern leider eine kurze aber heftige Diskussion. Letztlich entschied sich einer der ehemaligen Wächter mit dem Namen Gotan sich unserer kleinen Gruppe anzuschließen, während sich der andere entschloss alleine für sich durch die endlosen Dünen zu reisen. Gotan stellte sich schnell als treuer Gefährte heraus und berichtete von einem Leben voller Entbehrungen und seiner großen Liebe, für die er sich sogar in die Wüste begab um die finanziellen Mittel für ein glücklicheres Leben zu verdienen. Wie sich zeigte war er ein Meister des Bogens und sollte sich später noch als große Hilfe und zuverlässiger Freund für die vier Abenteurer herausstellen.

Wir entschlossen uns, zunächst mit unserer angewachsenen Gruppe zu einer Oase aufzubrechen, von deren Existenz wir aus dem Studieren einer Karte erfuhren, die wir zu Beginn unserer unfreiwilligen Reise aus dem Wüstenschiff geborgen hatten. Da unsere Vorräte nur sehr begrenzt waren und die Strecke bis zur lebensspendenden Oase versprach sehr lang zu werden, entschieden wir uns in der Kühle der Nacht zu reisen und während des Tages stets zu rasten. Sicherlich war die Chance an diesem Ort in die Hände jener Elfen zu geraten, welche uns beinahe gemeuchelt hatten recht hoch, doch die Chance gänzlich ohne Wasser auf der Reise durch die Wüste zu verenden war deutlich höher.

Unsere mehrere Tage andauernde Reise führte uns an zahlreichen Wundern und Monstrosität der Wüste vorbei. Riesige Skorpione griffen uns in dem endlosen Sandmeer an. Ein gigantisches echsenartiges Wesen mit der Kraft Ängste in uns auszulösen, von deren Existenz wir nicht einmal wussten, lauerte uns in einem unserer Nachtlager auf und fiel letztlich nur durch unsere gemeinsamen Bemühungen. Doch wir trafen nicht nur Todbringendes auf unserer Reise. Wir entdeckten wasserspeichernde Pflanzenknollen und Kakteen in den sandigen Dünen die uns halfen unser Ziel zu erreichen. Gigantische Bienen zogen über unseren Köpfen dahin und wir entdeckten Mischlingsformen von Wesen welche wirkten wie eine Kreuzung aus Mensch und Geier. Es gibt dort draußen vor den Stadtmauern Wunder die nie zuvor jemand geschaut hat. Doch ich sollte euch an dieser Stelle warnen liebe Spectatores. Ebenfalls lauern dort Gefahren welche nie zuvor jemand überlebt hat.

Wir blieben am Leben in dem wir aßen und tranken was auch immer wir zwischen den Dünen fanden, überlebten Sandstürme und fanden am vierten Tag die von uns angestrebte Oase, nur um zu bemerken, dass wir nicht die ersten unserer Karawane waren, die es zu diesem Ort geschafft hatten. Die beiden Mekilots, die unser Wüstenschiff die gesamte Zeit unserer Gefangenschaft über tapfer durch den endlosen Sand gezogen hatten, befanden sich müde und ausgedörrt vor uns und verteidigten den siedend heiß erscheinenden, kleinen und morastartigen Tümpel um den sich herum zahlreiche Nadelhölzer zu annehmbareren Größen entwickelt hatten.
Erst bei genauerer Betrachtung bemerkten wir, dass das größere der beiden drachenartigen Lasttiere nicht so territorial auftrat wie das andere Wesen. Das Ungetüm lag apathisch, desinteressiert und relativ … nun… tot neben dem Wasser. Aber der Mekilot war nicht das einzige Wesen welches wir verendet an diesem Ort vorfanden. Vögel, Insekten, kleine Echsen, sämtliches Getier welches man an solch einem Ort zu finden erwartet lag tot, reglos und allmählich stinkend um das Gewässer herum nieder.

Liebes Publikum. Denkt über mich was ihr wollt und haltet mich für so gierig und opportunistisch wie einen Wasserhändler in den Straßen von Tyr während des Jul-Festes. Doch Mama Lynch gebar keinen Idioten. Das Wasser welches so nah vor uns war und Rettung verhieß, stellte sich als tödliche Falle heraus. Wer auch immer von dem Wasser genoss, war anscheinend so gut wie tot. Pflanzen schien das Gift im Wasser wohl nichts anzuhaben, doch von den kleinsten Tieren bis hin zu den gigantischsten Landwesen fiel sämtliches Leben dem Gift im blubbernden Nass zum Opfer. So überließen wir dem verbliebenden, noch atmenden Mekilot zunächst sein Territorium und gaben ihm die Gelegenheit um seinen gefallenen Gefährten angemessen zu trauern. Unsere kleine Gruppe suchte hingegen nach einer möglichen Ursache für die Verseuchung dieses Gebietes.

Während unserer Suche stießen wir zwar auf keinen ansässigen Druiden, dafür aber auf ein paar verdorbene Vorräte anderer Reisender, die wohl vor einiger Zeit diesen Ort besucht hatten und fanden letztlich tatsächlich die Ursache für den lauernden Tod im Wasser. Zwischen den Überresten eines uralten Steinbogens fanden wir des Rätsels grausame Lösung.
Anscheinend hatten umherziehende und skrupellose Elfen mit der Hilfe von giftigen Knollen das Wasser in der Form konterminiert, dass nur noch sie und ihre Kanks gefahrlos von der Quelle zehren konnten und alles andere tierische Leben an einem toxischen Schock verenden mussten.
Um das Trinken für uns weniger tödlich zu gestalten und wenn möglich sogar den Mekilot zu retten, begannen wir das Wasser zu destillieren. Wir entfachten ein Feuer, ließen das Wasser literweise verdampfen und fingen den giftfreien Dampf mit zahlreichen Materialien auf, welche wir in der Wüste von den dort lauernden Monstren erbeutet hatten.
Oh ja meine werten Spectatores. In der Wüste weiß man nie welches Wissen einem zu gute kommen kann. Ich hätte zu Beginn meiner Reise jedenfalls nicht erahnt, dass mein bescheidenes Wissen über die Destillation von Alkoholika mir auf diese Weise das Leben retten würde.
So benötigten wir nur Zeit und ein wenig Feuerholz um eine nahezu unbegrenzte Menge Wasser für unsere Zwecke zu reinigen und von beidem hatten wir genug… zumindest dachten wir dies.
Unsere Freude hielt nur kurz. Eine größere Gruppe von Elfen näherte sich der Oase und fiel über den stark geschwächten verbliebenden Mekilot wie ein Rudel blutdurstiger Sandflöhe her. Oh, sehr verehrtes Publikum. Mir blutet das Herz wenn meine Gedanken zu diesem Zeitpunkt zurückkehren.
Yi´are, Lafeya, Goar, Gotan und ich gaben uns größte Mühe und versuchten das Leben des nahezu verdursteten Wesens zu retten und die schändlichen Elfen für ihre Taten wieder die Natur büßen zu lassen. Hartnäckigkeit, Zorn, überragende Finesse und eine Menge Glück verhalfen uns letztlich zu einem überragenden Sieg. Die finsteren Gestalten fielen unter den Klauen des sterbenden Mekilots und unseren Klingen zu Dutzenden,… bis sich die letzten Verbliebenden uns ergaben und auf unsere Mildtätigkeit hofften. Nur zu gerne hätte ich all diese sinisteren Gestalten in einem Anflug von Rache dem Tode überantwortet, denn wir standen knöcheltief in dem Preis unseres Sieges über die Elfen. Mit bestialischen Schlägen gelang es einigen der Wüstenbanditen den Mekilot so schwer zu verletzen, dass er in einem See seines eigenen Blutes vor unseren Augen verging.
Und so standen wir nun dort in der Oase, einer Zuflucht des Lebens, umgeben vom Tod und den sich uns ergebenden heimtückischen Mördern.

Doch nun werte Spectatores denke ich ist ein wunderbarer Zeitpunkt meine Geschichte für heute zu beenden. Die folgenden Geschehnisse markierten lediglich den Beginn unserer Odyssee, welche uns quer durch die Wüsten von Athas führte und mich letztlich an diesen Ort brachte um euch werte Zuschauer zu erbauen und zu unterhalten. Bitte verzeiht mir, dass ich mich nun für heute zurückziehe, doch Flos ausgezeichnete Getränke bahnen sich ihren Weg durch mein Innerstes und erwärmen mir mein Herz… und bevor sie meine Beinkleider erwärmen, sollte ich mich nun wirklich von euch verabschieden.“
Mit diesen Worten weicht Lynch unter lauter werdendem Gelächter von seiner Kiste zurück und verschwindet hinter einer Hausecke um sich zu erleichtern.

In einer unweit entfernten Gasse wächst ein breites Grinsen auf Lynchs Gesicht, während ein breiter Strom an ungereinigtem Wasser von Lynch dem Wüstenwind geopfert wird.
Was auch immer in Flos rotem Nektar war mußte eine immens treibende Wirkung gehabt haben.
„Dafür, dass du ein ach so großer Magier sein sollst Meister, war das eine unglaublich lausige Vorstellung.“
Ein kleiner, halbnackter, geflügelter und überaus weiblicher Dämon materialisiert sich neben Lynchs Ohr und haucht diese Worte leicht spöttisch in dessen Gehörgang, welcher daraufhin so stark erschrickt, dass er beinahe in seine eigene Opfergabe fällt.
„Und dafür, dass du eine kleine Ejakulationsvorlage für Minderjährige bist Eve, äußerst du ziemlich viel ungefragte Kritik an deinem Meister.“
„Ob gefragt oder nicht Meister…“ Eve blickt spöttisch lächelnd auf den Ursprung von Lynchs versiegende Opfergabe „…Kritik ist die Pflicht jedes aufmerksamen Zuschauers. Und, oh du mein werter Meister, an dem was ich nun grade erblicke könnte ich auch so manche Kritik äußern.“
Lynchs Augenbrauen ziehen sich bedrohlich zusammen als er seine kleine Vertraute aus den Augenwinkeln betrachtet.
„Meister. Ich habe mit Verlaub bemerkt schon besser ausgesta…“
Weiter kommt Eve nicht mit ihrer Ausführung, da Lynch sich auf sie stürzt und ein Handgemenge zwischen dem Hexer und dem 20 Zentimeter großen Succubus entsteht.

Etwa 5 Minuten und zwei Querstraßen entfernt sitzen zwei alternde Gerber bei ihrem abendlichen Schachspiel und reden über das alltägliche Leben.
„Meine Güte Jule, hast du die Preise für die heutige Lieferung der Häute gesehen? Für was hält sich dieser adlige Arsch von einem Händler?“
„Hm. Ich weiß was du meinst Furgas. Mann sollte glauben, dass sich dieser Haufen Dung inzwischen an dem Herzblut unserer Börsen satt getrunken hat.“
„Ich hätte nicht übel Lust mein treues Schabmesser zu nehmen und…“
Die Unterhaltung der beiden wird unterbrochen, als ein wild auf seine Kleidung einschlagender junger Mann auf ihren Spieltisch stürzt und in einer fremden Sprache einen anscheinend unsichtbaren Gegner anschreit. Die beiden Gerber blicken zunächst sich selber und dann den vor ihnen liegenden Mann fragend an, der unter ihren Blicken sich wieder erhebt und eine kleine zappelnde Gestalt aus seiner Kleidung zieht, welche fauchend und piepsend nach der Hand die sie gepackt hält schnappt. Spitze Zähne bohren sich in die, die kleine Frau umschlingenden Finger und der Mann lässt einen gepeinigten Schrei erklingen bevor er das Wesen wegschleudert und sich den beiden ungerührt wirkenden Männern zuwendet.
„Verzeihen sie bitte vielmals die Unterbrechung meine werten Herren, aber …“
Mitten in seiner Entschuldigung wird Lynch von der kleinen Geflügelten Frau erneut attackiert, die sich nun auf sein Gesicht stürzt und sich in seiner Nase verbeißt. Lynch geht zu Boden und versucht das winzige dämonische Wesen von seinem Gesicht zu entfernen und verfällt erneut in eine Sprache, die die beiden Leute nicht verstehen.
„ Sag mal Jule. Ist das nicht der seltsame Verrückte vom Marktplatz von dem deine Tochter erzählte? Der mit seinem Illusionstheater?“
„Könnte sein… Eine ziemlich rabiate Art Werbung für sich zu machen. Findest du nicht auch?“
Die beiden Männer werden nun Zeuge wie das weibliche geflügelte Wesen trotz massiver Gegenwehr von Lynch erneut in dessen Kleidung eintaucht und dieser beginnt sehr schrill zu schreien.
„Also ich glaube wenn der Rest seiner Show so unterhaltsam ist wie dies hier, sollte ich mir morgen ein wenig Zeit für ihn nehmen.“
„Wie auch immer… lass uns das Spielbrett wieder aufbauen welches der Wahnsinnige umgeworfen hat.“

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Mikeman

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